Fernbeziehung damals

Zwischen Autobahn und Telefonzelle

19.01.2017

Kaum ein Paar führt eine Fernbeziehung freiwillig. Meist sind berufliche Gründe der Auslöser für eine Liebe auf Distanz. Dieses Beziehungsmodell ist aber kein Phänomen der Globalisierung. Denn Paare meisterten die räumliche Trennung schon bevor das Internet in den Köpfen der Menschen existierte. So erging es auch Karin Simon-Immel und ihrem Ehemann Johannes Immel in den späten 70er-Jahren.

Die Ausstellung „Privat-Ansichten" im Haus der Geschichte zeigt anhand hunderter Fotos den Wandel von Familie und Partnerschaft. | Bild: Margarita Fangrat

Wir schreiben das Jahr 1977: Es ist schon dunkel geworden, eine junge Frau sitzt alleine in der Wohnung und wartet vor dem Telefon sehnlichst auf den Anruf ihres Freundes. Dann endlich der besagte Anruf – er meldet sich von unterwegs aus einer verlassenen Telefonzelle. Das freudig erwartete Gespräch dauert nur wenige Minuten, bis ein Knacken die Verbindung abrupt unterbricht. Das Telefonat ist zu Ende, auch wenn die Unterhaltung des Paares längst nicht vorbei ist. Allerdings sind die fünf DM-Stücke aufgebraucht. 

Aus heutiger Sicht ist so eine Liebe auf Distanz unvorstellbar. Voicemail, WhatsApp und Skype sind der tägliche Begleiter einer jeden Fernbeziehung. Dank Handys und Smartphones können wir unsere Liebsten jederzeit bequem erreichen. Damals mussten die Paare sich für ein Telefonat verabreden, das war alles andere als spontan und komfortabel. Unter diesen Bedingungen führte auch dieses Ehepaar eine Fernbeziehung: 

Johannes Immel absolviert im Frühjahr 1975 mit 23 Jahren ein Praktikum als Kommissaranwärter bei der Polizeidirektion in Offenburg. Dort lernt er die 21-jährige Karin kennen, die zu der Zeit als Kriminalbeamtin in der Dienststelle arbeitet. Die beiden Berufsanfänger verlieben sich und werden ein Paar, im Sommer 1976 heiraten sie. Nach der kurzen gemeinsamen Zeit in Offenburg muss Johannes Immel für ein weiteres Praktikum nach Freiburg ziehen. Ende des Jahres 1976 folgt dann die Rückkehr nach Wiesbaden, dort muss er seine Ausbildung beim Bundeskriminalamt abschließen. Karin Simon-Immel verbleibt alleine in Offenburg, die eigentliche Fernbeziehung beginnt. 

Links: Karin Simon-Immel und Johannes Immel im Jahr 1976 in Paris. Rechts: Ein aktuelles Bild, 40 Jahre nach ihrer Fernbeziehung. | Bild: Simon-Immel

Eine Versetzung nach Baden-Württemberg war für Johannes Immel während der Ausbildung aus beamtenrechtlichen Gründen nicht möglich: „Selbst nach Beendigung der Ausbildung hatte er keinen Anspruch auf eine Versetzung in eine bestimmte Dienststelle. Wir hofften aber, als Verheiratete im Rahmen der Familienzusammenführung bessere Chancen zu haben", so seine Frau.

Trotz dieser Ausgangslage stand für das frisch verheiratete Paar fest: „Wir wollten zusammenbleiben und zusammen auch die Zukunft erleben", wiederholt Johannes Immel überzeugt. Es stand nie zur Debatte, sich auf Grund einer räumlichen Distanz zu trennen. Also nahmen die beiden ihre Fernbeziehung im Januar 1977 in Angriff.

„Unsere Fernbeziehung war nie freiwillig, sondern die zunächst notwendige Konsequenz aus dem Wunsch heraus, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen." (Karin Simon-Immel)

Die Distanz von circa 230 Kilometern zwischen Offenburg und Wiesbaden überbrückten sie so häufig wie möglich. Das gestaltete sich leider nicht immer einfach, da die Arbeit den beiden oft die Wochenenden blockierte. Also war ein Wiedersehen nach drei bis vier Wochen durchaus üblich. Dennoch war die Entfernung zwischen den Eheleuten gut machbar, denn beide waren im Besitz eines Autos. Spontane Besuche waren allerdings ausgeschlossen, schließlich war das Risiko groß, dass der Partner nicht zu Hause oder beruflich eingespannt war.

Deshalb bestand der Kontakt größtenteils aus den teuren Telefonaten. „Die Bundespost hat ein Vermögen an uns verdient", betont Johannes Immel. Ein Aspekt, den in der heutigen Zeit kaum einer zu schätzen weiß. Während wir meist kostenlos stundenlang miteinander kommunizieren, war das seinerzeit nicht denkbar und durch viele Faktoren eingeschränkt.

Die Telefonzelle war deswegen der beste Freund solcher Paare. Karin Simon-Immel hatte das Glück, über ein festinstalliertes Telefon zu verfügen. Derweil musste ihr Mann bei jedem Gespräch eine Telefonzelle aufsuchen. Damit waren spontane Anrufe unmöglich und die Gefahr bestand für Johannes Immel immer darin, seine Frau nicht zu erreichen, falls sie länger Dienst hatte. Wenn endlich ein Telefongespräch zustande kam, konnte die Unterhaltung nur so lange geführt werden, bis das Kleingeld aufgebraucht war. „So brachen viele Gespräche sehr abrupt ab, ohne wirklich geendet zu haben", erinnert sich Karin Simon-Immel zurück.

Die Kommunikation per Telefon aufrechtzuerhalten ist eine Herausforderung. Aber monatelang ohne wirkliche Korrespondenz die Beziehung weiterzuführen, ist eine Meisterleistung. Dr. Sabrina Müller, Historikerin am Haus der Geschichte in Stuttgart, führt mich in eine Welt, fernab des Telefons: In der Dauerausstellung „Privat-Ansichten" hängen hunderte von Fotos, die den Wandel der Familie und Partnerschaft in der Region zeigen.

Feldpost und Tagebücher waren neben Fotografien bewährte Kommunikationsmittel der damaligen Zeit. Manche Paare bespielten sich Kassetten, damit sie die Stimme des geliebten Menschen jederzeit hören konnten. Die Kuratorin der Ausstellung erzählt erstaunliches anhand der Fotos: „Die Geburt des Lächelns auf Fotografien ging einher mit dem Krieg", erzählt sie und berichtet weiter: „Die Familien sahen nicht die Notwendigkeit, den Fotografen anzulächeln. Als die Männer aber an der Front kämpften, war ein Grund geschaffen, für jemanden zu strahlen." Fotografien wurden sogar inszeniert. Bevor der Mann an die Front berufen wurde, besuchte die Familie den Fotografen. Sie inszenierten eine glückliche, liebevolle Familie. Die geschossenen Fotos nahm der Gatte als Andenken mit.

Kommunikationsmittel früher

Die Kommunikationsmittel veränderten sich im Laufe der Zeit. Besonderer Dank geht an das Haus der Geschichte in Stuttgart.

Auch die Distanzbeziehung von Karin Simon-Immel und Johannes Immel hatte im März 1980 ein langersehntes Ende. Heute lebt das Paar in March, einer kleinen Ortschaft nahe Freiburg. Beide benutzen Internet und Smartphone, genießen und schätzen die heutigen technischen Errungenschaften. „Eine Fernbeziehung ist deshalb mit Sicherheit einfacher: Man kann ständig kommunizieren, kann sich selbst über Skype austauschen. Die ständige Verfügbarkeit ist aber auch eine neue Herausforderung", so Karin Simon-Immel.

Egal ob Fernbeziehung heute oder früher – sie muss gemeistert werden und birgt ganz eigene Schwierigkeiten. Eines ist aber sicher: Karin Simon-Immel und Johannes Immel werden wohl nie wieder eine Telefonzelle brauchen.

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Über den Autor

Margarita Fangrat

Crossmedia Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016