Asexualität

Sex ist einfach nicht ihr Ding

21.12.2016

„Es gibt Sex ohne Liebe, wieso dann nicht auch Liebe ohne Sex?“, sagt Sonja*. Sie ist 26 Jahre alt. Studentin, schlank und casual gekleidet. Eine normale junge Frau – und doch irgendwie anders. Sonja ist Jungfrau, und Sex interessiert sie einfach nicht. Sie und viele andere Menschen bezeichnen sich als asexuell. Das heißt, dass sie sich von niemandem sexuell angezogen fühlen.

Sexualität gehört für die meisten Menschen zum Leben dazu. Manche aber haben nie Lust. | Quelle: Laura Hornberger

Händeschütteln ist für Sonja vollkommen in Ordnung. Dasselbe gilt für Umarmungen. Körperlichen Kontakt, bei Begrüßungen oder Verabschiedungen empfindet sie als schön. Küssen wiederum muss nicht sein. „Zungenküsse, das ist nichts für mich", sagt Sonja. Hier ist ihre persönliche Grenze. Küsse symbolisieren für sie den Beginn der sexuellen Ebene, die sie ablehnt.

Die unbekannte Welt

Bemerkt hat sie es zum ersten Mal in der siebten Klasse. Bemerkt, dass sie die Welt der Anderen nicht versteht. Die sexuelle Welt. Mitschülerinnen fingen an für Jungs zu schwärmen. Sie schauten sich Bilder von männlichen Models mit nackten Oberkörpern an. Ihre Freundinnen fanden die Abbildungen „süß, scharf oder attraktiv." Adjektive, die Sonja niemals genannt hätte.

„Ich saß bei Gesprächen über sexuelle Themen immer nur daneben und dachte: ich verstehe nicht von was ihr redet. Ich verstehe nicht, was ihr seht. Ich verstehe diesen Aspekt eurer Welt nicht."

Damals hinterfragte Sonja das alles noch nicht. „Das kommt schon noch", dachte sie mit vierzehn. Doch Jahre später, als Soja anfing zu studieren, hatte sich nichts geändert. Sie hatte kein sexuelles Verlangen. Eines Abends zappte sie durch die Fernsehkanäle und blieb bei einem Beitrag über Asexualität hängen, schaute ihn sich an. Als der Beitrag zu Ende war, kam ihr jedoch keine Verbindung in den Sinn.

Sie zog andere Möglichkeiten in Betracht. Dachte theoretisch. Wenn sie sich nicht von dem männlichen Geschlecht sexuell angezogen fühlt, dann vielleicht von dem Weiblichen? Sie schlussfolgerte, dass sie lesbisch sei und unterhielt sich bewusst mit männlichen Kollegen über die Reize einer Frau. Doch wieder saß sie nur dabei und schwieg. In der Praxis kann sie sich sexuelle Interaktion mit keinem Geschlecht vorstellen. Nach dieser Erfahrung fühlte sich Sonja anders, hatte aber keine Erklärung, keine Worte, keinen Namen dafür. Sie suchte nach Gründen. Zweifelte.

Wie sich die junge Frau in diesem Moment gefühlt haben muss, weiß Irina Brüning. Sie ist Sprecherin des Vereins AktivistA, der sich für die Aufklärung und Sichtbarmachung von Asexualität einsetzt. „Asexuelle leiden in dieser Phase sehr oft, da sie nicht wissen, dass es andere Menschen gibt, denen es genauso geht", sagt Brüning.

Kann eine Therapie helfen?

Eine therapeutische Behandlung sei bei der Suche nach Gründen jedoch nur unter bestimmten Aspekten sinnvoll, so Brüning. Wichtig wäre, dass der Therapeut den Begriff Asexualität zuordnen kann. Ansonsten könnte er versuchen die Einstellung des Patienten zu ändern, anstatt ihm dabei zu helfen, diese zu akzeptieren. Und was passiert, wenn man jemanden dazu drängt, etwas zu ändern, das nicht zu ändern ist?

Unter welchen Aspekten eine Therapie helfen kann, begründet Irina Brüning (Sprecherin des Vereins Aktivista).

Der Begriff Asexualität

Sonja erinnerte sich schließlich mit 20 Jahren an den Fernsehbeitrag zurück. Sie tippte den Begriff Asexualität in das Google Suchfeld, las die Definition und fand zu sich selbst. Der abstrakte Begriff wurde endlich greifbar.

„Jetzt hat das endlich einen Namen. Was ich mein ganzes Leben lang schon gespürt habe. Das heißt, das ist real, das existiert. Und vor allem: Ich bin nicht die Einzige."

Irina Brüning klärt die Fragen: Was ist Asexualität? Und wie verbreitet ist diese sexuelle Orientierung?

Ein paar engen Freunden gegenüber outete sie sich daraufhin. Bei einem stieß sie auf Unverständnis. „Das kann gar nicht sein, Menschen sind nicht asexuell", war die Antwort. Sie überzeugte ihn mit einem Onlineartikel. Als er verstand, dass Asexualität existiert, akzeptierte er es. Ihrer Familie hingegen erzählte sie nichts. Ihr Vater fragt immer wieder, ob es denn einen Verehrer gäbe. Sie antwortet dann gewöhnlich mit: „Noch nicht."

Asexualität und Verliebtheit

Sonja schließt nicht aus, dass sie sich verlieben kann. Dass ihre sexuelle Orientierung aber zu Problemen in einer Beziehung führen kann, in der ihr Partner nicht asexuell ist, weiß sie. Manche Asexuelle sind aus diesem Grund sexuell aktiv. Asexualität heißt nicht, dass jeder Asexuelle noch nie mit einer anderen Person geschlafen hat. Viele empfinden es als unangenehm, lassen sich jedoch aus verschiedenen Gründen darauf ein. Zum Beispiel, um die Bedürfnisse des Partners zu befriedigen. Das asexuelle Spektrum ist groß. Die Einstellung gegenüber Sex ist unterschiedlich und die sexuelle Aktivität ist individuell.

Sonja würde nicht mit jemandem schlafen, ohne es aufgrund eigener Bedürfnisse zu wollen. Auch in einer romantischen Beziehung sei Sexualität keine notwendige Ausdrucksform ihrer Liebe. Falls sie sich verliebt, dann auf geistiger Ebene. Für sie gibt es eine romantische und eine sexuelle Orientierung. Ihr ging es nie schlecht mit ihrer Asexualität.

„Ich kann heteroromantisch sein, ohne sexuell zu sein. Ich bin ein großer Fan dieser Begrifflichkeiten, weil man damit sehr schön Kategorien basteln kann ohne große Schubladen aufzumachen."

Irina Brüning zeigt auf, wieso sich Asexualität und Verliebtheit nicht ausschließen.

Die sexuelle und die romantische Ebene lassen sich verbinden. Fahre über die Punkte, um die Zusammenhänge zu verstehen | Quelle: Laura Hornberger via piktochart und thinglink

Die große Unbekannte

Irina Brüning nennt Asexualität „die große Unbekannte". Viele Menschen kennen den Begriff, können ihn aber nicht definieren. Sonja setzte sich beim Christopher Street Day mit dem Verein AktivtistA für die Aufklärung von Asexualität ein. Präsent war hier auch ein Symbol: Der Kuchen. Entstanden aus dem Witz, dass Asexuelle lieber Kuchen mögen als Sex.

In der asexuellen Community ist der Spruch „Kuchen ist besser als Sex" weit verbreitet. | Quelle: Laura Hornberger

Aber auch Kommentaren wie: „Du hast doch nur keinen abbekommen" oder „Du müsstest es doch nur einmal tun, damit du weißt, ob du es magst", sind üblich. Sonja und andere Mitglieder der Asexuellen Community (ACE) müssen überzeugend sein, um ihre sexuelle Orientierung zu verteidigen. Vergleiche helfen dabei. Weiß ein Homosexueller etwa erst, dass er schwul ist, wenn er mit einer Frau geschlafen hat? Sonjas Meinung nach ist es Zeit das Thema Asexualität zu enttabuisieren. Sie wünscht sich, dass mehr Bewusstsein für alle sexuelle Orientierungen entsteht.

Negative Kommentare lächelt Sonja mittlerweile selbstbewusst weg. Sie weiß, dass sie zu einer Minderheit zählt und ist glücklich damit. „Asexualität gehört zu mir, wie meine grauen Augen oder meine kleine Nase. Das bin einfach ich und das ist auch gut so", sagt sie stolz.

Anlaufstelle für Asexuelle
AVEN (Asexuality Visibility und Education Network) ist die weltgrößte asexuelle Gemeinschaft. Das Netzwerk dient als Informationsquelle für Asexuelle, deren Familie und Freunde sowie Fragende. Über das Forum kann man mit anderen Asexuellen in Kontakt treten und sich in vielen deutschen Städten zu Stammtischen verabreden.

*Name von der Redaktion geändert

Total votes: 106
 

Über den Autor

Laura Hornberger

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016