Kaufsucht

Kauf dir was Schönes, dann geht’s dir besser!

28.01.2017

Was für viele eine alltägliche Sache ist, kann einigen zum Verhängnis werden: Einkaufen. Kaufsucht ist eine Krankheit, welche sich schleichend anbahnt und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten betreffen kann.

Vom Kaufrausch in die Schuldenfalle | Bild: Anamiga Muth

„Wenn ich das nicht kriege, dann sterbe ich", so beschreibt Sieglinde Zimmer-Fiene ihren Kaufzwang. Die 61-Jährige ist Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige in Hannover und leidet seit rund 30 Jahren an der wenig erforschten Krankheit. Als sie Ende 20 ist, wird bei ihrem Ehemann ein Hirntumor diagnostiziert. Kurze Zeit später stirbt er. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Als wenn die zweite Hälfte von mir nicht mehr da wäre", so Zimmer-Fiene. Ihre Eltern können ihr in dieser Zeit nicht die Art von Zuneigung und Liebe geben, die sie braucht. Es geht alles über die Schiene des Geldes.

Fakten zur Kaufsucht | Quelle: Mitteldeutscher Rundfunk

Einkaufen als Trostspender

Die Wurzeln der Kaufsucht liegen meist in der Kindheit oder Jugend. Häufig haben Betroffene im Elternhaus oder näheren Umfeld einen Mangel an Zuwendung, Anerkennung, Liebe und Geborgenheit erfahren. Durch das Kaufen werden diese negativen Gefühle verdrängt. Oft spricht man in diesem Sinne auch von einer Belohnungssucht. Kinder oder Jugendliche lernen, dass es ihnen besser geht, wenn sie etwas kaufen oder geschenkt bekommen. So sagt man oft zu Kindern: „Kauf dir doch was Schönes, dann geht’s dir besser", sagt Zimmer-Fiene. Auch bei ihr liegt der Ursprung ihrer Sucht in einem traumatischen Ereignis. Die fehlende Zuneigung und Wärme hat sie durch das Kaufen von Geschenken für ihre Kinder und Familie sowie andere Konsumgüter kompensiert. Allein das verschaffte ihr Glücksgefühle und versetzte sie in einen Rausch. Sie selbst beschreibt ihren Drang zum Kaufen wie eine Art Trieb. Man geht nicht mehr in Ruhe durch die Stadt und schaut sich Klamotten an, sondern arbeitet im schnellen Schritt die Läden ab um das Objekt der Begierde zu erhalten. Der Akt des Kaufens steht hierbei im Vordergrund. Der erworbene Gegenstand ist zweitrangig und löst nur mehr Schuldgefühle und Scham aus. So verstecken Betroffene ihre gekauften Sachen oder packen Pakete gar nicht erst aus, bei Kleidungsstücken ist oft das Etikett noch vorhanden.

Die Gier nach dem Kaufen

Kontrollverlust

„Irgendwann hatte das alles Ausmaße, die nicht mehr überschaubar waren", sagt Zimmer-Fiene. Um mehr zu kaufen, leiht sie sich Geld von ihren Eltern, während sich die Schulden langsam aber sicher anhäufen. Hinzu kommen Ängste, Depressionen und Schlafstörungen. Auf der Suche nach Hilfe, wendet sie sich an mehrere Therapeuten. Dort sagt man ihr jedoch, dass das eine Art der Trauerbewältigung sei. Im April 1994 liegen insgesamt 65 Anzeigen von Ladenbesitzern und Kaufhausketten gegen sie vor. Der Schuldenberg ist auf ca. 65.000 Mark angewachsen. Ein Gericht verurteilt sie zu einem drei Jährigen Aufenthalt in einer Forensischen Psychiatrie. Nach Ablauf der Zeit wird sie jedoch nicht wie geplant entlassen. Ein Richter entscheidet, dass sie immer noch eine Gefahr für die Allgemeinheit sei und so muss Zimmer-Fiene in Behandlung bleiben. Auch in den kommenden Jahren verlängert der Richter beim jährlichen Begutachtungstermin den Aufenthalt. Insgesamt ist Zimmer-Fiene 8 Jahre lang in psychiatrischer Behandlung. Dort wird allerdings nie über ihre Kaufsucht gesprochen, nur über die familiäre Situation. Eine der Gründe dafür ist, dass die Kaufsucht kaum erforscht und von vielen nicht ernst genommen wird. Beim Kaufen handelt es sich um eine alltägliche Sache, weswegen das Problem oft übersehen oder bagatellisiert wird.

Kaufsucht wird oft unterschätzt

Mit der Selbsthilfegruppe auf dem Weg der Besserung

Als eine gute Freundin und Reporterin in der Lokalzeitung über den Psychatrieaufenthalt und ihre Kaufsucht berichtet, bekommt Zimmer-Fiene das Angebot, eine Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige zu leiten. „Da habe ich erst gesagt, eigentlich möchte ich das gar nicht und schäme mich auch dem Thema gegenüber", so Zimmer-Fiene. Sie gibt sich trotzdem einen Ruck und trifft sich zunächst mit einer anderen Betroffenen. Ein halbes Jahr später ist die Gruppe auf sechs Personen angewachsen, darunter auch zwei Männer. Dieses Jahr feiert die Selbsthilfegruppe ihr 15-jähriges Jubiläum. Die Treffen selbst finden anonym in einem Café statt und sind nicht für jeden öffentlich zugänglich. Erst die Selbsthilfegruppe hat ihr dabei geholfen, ihre Kaufsucht in den Griff zu bekommen. Der Austausch mit anderen Personen, welche ähnliche Situationen und Emotionen erlebt haben, geben ihr das Gefühl, verstanden zu werden. „Man denkt ja immer, man ist selbst der Aussätzige. Das gibt es nur bei dir. Ein anderer kann das nicht haben. Doch das gibt es leider viel häufiger, als angegeben wird", so Zimmer-Fiene weiter. Eine Heilung gegen diese Sucht gibt es nicht. Man bleibt ein Leben lang davon betroffen und kann nur lernen sie in den Griff zu bekommen, indem man in einer Selbsthilfegruppe darüber redet oder sich mit Freunden und Familie austauscht.

Sucht ist nicht heilbar

Schätzungsweise 5 bis 8 % in Deutschland sind extrem kaufsuchtgefährdet. Betroffene finden sich in jeder Gesellschaftsschicht und in jedem Alter und Geschlecht wieder. In unserer heutigen Konsumgesellschaft werden wir immer mehr darauf getrimmt, zu kaufen und Geld auszugeben. In Zeiten der personalisierten Werbung und Cookies, die uns immer wieder dasselbe oder ein ähnliches Produkt anzeigen, fällt es empfänglichen Personen immer schwerer zu widerstehen. Da es sich beim Kaufen um eine solch alltägliche Sache handelt, fällt es Betroffenen zudem auch nicht leicht, zuzugeben, dass sie ein Problem haben. Oft ist die Angst zu groß, nicht richtig ernst genommen und belächelt zu werden. Dabei ist bei der Kaufsucht, wie bei jeder anderen Sucht auch, die Früherkennung das A und O. Für Außenstehende ist es somit wichtig, niemals wertend und verurteilend gegenüber einem Kaufsüchtigen entgegenzutreten, sondern Hilfe oder ein Gespräch anzubieten. In diesem Sinne sollte man zudem immer im Hinterkopf behalten, dass Kaufsucht vergleichbar mit einer Drogen- und Alkoholsucht ist. Denn was für den Alkoholsüchtigen der Schnapsladen ist, ist für den Kaufsüchtigen die Einkaufs-Meile in der Stadt oder zahlreiche Online-Shops im Internet. Die Versuchung ist damit überall und allgegenwärtig.

Du möchtest mehr über Kaufsucht erfahren?
Hier erfährst du mehr über die Selbsthilfegruppe und Sieglinde Zimmer-Fiene. Auch Interessant: Kaufsucht - Trip in den Ruin? Eine Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks.

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Über den Autor

Anamiga Muth

Medienwirtschaft
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014