Neues Open Air-Theater im Westen der Landeshauptstadt

Aus Weinberg wird Bühne über Stuttgart

19.01.2015

Professionelle Theater gibt es viele. Die Kleinkunstszene Stuttgarts allerdings tut sich noch immer schwer, mit geringen finanziellen Mitteln eine passende Bühne zu finden. Der 22-jährige Felix Baumann will diese Lücke schließen - und baute dazu kurzerhand den brach liegenden Weinberg seiner Familie zu einem Open Air-Theater um. Hier finden in den Sommermonaten verschiedene kulturelle Veranstaltungen statt.

Wo will ich hin? Was will ich später einmal machen? Diese Frage hat sich jeder Student mindestens ein Mal in seinem Leben gestellt. Architekt, Pressesprecher, Journalist, Winzer, vielleicht gar Schriftsteller oder Manager – Felix Baumann ist all das schon jetzt. Der 22-jährige Student aus Stuttgart hat im Jahr 2010 den 60 Jahre alten, verwilderten Weinberg seiner Familie wiederbelebt. Neben dem Weinbau hat er hier vergangenen Sommer eine Kleinkunstbühne geschaffen, die Laientheater für ihre eigenen Aufführungen mieten können.

Als Felix Baumann vor vier Jahren mit einer einfachen Gartenschere begann, den über zehn Jahre überwucherten Weinberg vom Unkraut zu befreien, hätte er nicht gedacht, dass daraus einmal ein gemeinnütziges Kulturprojekt werden würde. Nach kurzer Zeit entdeckte der Philosophiestudent jedoch seine Liebe für den Weinbau. Er bildete sich autodidaktisch fort, schaffte sich die nötigen Gerätschaften an und begann Wein anzubauen. Mit den Reben wuchs auch die Idee, etwas Bedeutenderes aus diesem Hang im Stuttgarter Westen zu machen. Baumann, der selbst Theaterstücke und Gedichte schreibt, wollte die kulturelle Lücke schließen, die sich in Stuttgart zwischen professionellen Theatern und Kleinkunstbühnen auftut. „Meine Vision ist, dass sich meine drei Hobbys zu einem zusammenfügen: Das Schreiben, die Bühne und der Wein." Er wolle mit seinem Weinberg einen Platz schaffen, auf dem kleine Theatergruppen kostenlos oder gegen eine geringe Beteiligung auftreten können, sagt er.

Erfrischender als eine gewöhnliche Aufführung

Bis heute war die „Bühne über Stuttgart" Schauplatz verschiedener kultureller Veranstaltungen wie literarischen Wanderungen, die ihren Ausklang auf dem Weinberg fanden. Hier wurden die Teilnehmer mit Wein und Butterbrezeln bewirtet und es gab Lesungen, sowie Gesang. Baumann nutzte diese Veranstaltungen, um seine eigenen Gedichte vorzutragen.

Zudem war der Weinberg vergangenen Sommer erstmalig Schauplatz einiger Theateraufführungen. Hier trat die Theatergruppe „Volles Rohr Theater" der Universität Stuttgart auf - mit Friedrich Dürrenmatts „Ein Engel kommt nach Babylon". Frank Schneider, einer der Regisseure und Schauspieler der Theatergruppe, beschreibt die Stimmung bei einem Theaterauftritt auf dem Weinberg als erfrischender, als das manchmal bei Theaterstücken auf klassischen Bühnen sein könne. „Eine Open-Air-Aufführung wie im Weinberg mit Kerzenlicht, Picknickdecken auf dem Rasen und dem Ausblick über das nächtliche Stuttgart wirkt plötzlich nicht mehr so verstaubt und anstrengend", sagt Schneider.

Die Kooperation mit der Theatergruppe kam über Baumanns Freundin zustande, die bereits seit dessen Gründung vor zwei Jahren Mitglied des Studenten-Theaters ist. Über sie hatte Baumann erfahren, wie schwierig es für junge semi-professionelle Theaterschaffende ist, mit wenig finanziellem Aufwand einen passenden Ort für die Aufführungen zu finden.

Im vergangenen Frühjahr kam ihm die Idee, den Weinberg als Bühne bespielbar zu machen. Zur Umsetzung dieses Traums arbeitete er mehrere Wochen lang 14 Stunden täglich und schuf so aus einem steilen Grundstück am Hang eine kleine, ovale Bühne, die auf der einen Seite von einer Tribüne aus Rasenbänken gesäumt wird und auf der anderen ein atemberaubendes Panorama über die Stadt preisgibt.

Baumann will das Theater für jeden zugänglich machen

„Das Ziel ist, dass man hier Theater macht, bei dem die Karte nicht 15 Euro kostet oder sogar 20 oder 30, sondern eben fünf." Um dies zu gewährleisten, arbeitet Baumann zwei bis drei Mal die Woche mehrere Stunden auf seinem Weinberg; entsorgt Müll, harkt Laub oder mäht Rasen. Die Arbeit werde auch im Winter nicht weniger, so Baumann. „Alles muss rund um das Jahr laufen." Für die nächste Spielsaison sind bereits weitere Verbesserungen an seinem Weinberg-Theater geplant. Er habe sich schon über eine Humus-Toilette informiert. Diese beschleunige die natürliche Kompostierung und kann so für eine vollkommen naturverträgliche Abwasserentsorgung eingesetzt werden. Baumann plant ferner, Solarzellen auf dem Toilettendach anzubringen. „So kommt die Humus-Toilette ohne Strom aus", erklärt der Schwabe. Auch die Rasenpflege lässt nicht bis zum Frühjahr auf sich warten. Regelmäßig müssen die Rasenbänke, die Baumann als Sitztribüne für Zuschauer angelegt hat, von Hand gemäht werden. Kahlstellen müssen eingesät und gedüngt werden. Auch die Bühne soll im nächsten Jahr durch eine Überdachung wetterfest gemacht werden und so mehr Komfort für Zuschauer und Schauspieler bieten. Dieses Projekt wird Baumann noch vor der nächsten Spielsaison angehen. Er hat vor, die Bühne eigenhändig zu vermessen, die Überdachung zu planen und selbst zu konstruieren, Materialien gegeneinander zu prüfen und Bezugsquellen ausfindig zu machen. Baumann betont, er werde auch einen schnellen Auf- und Abbau berücksichtigen, um flexibel zu bleiben. Bescheiden merkt er an: „Alles, was ich tue, sind Erstlingswerke, die auch am Anfang immer schief gehen können und Kinderkrankheiten haben." Diese Fehler müsse man schlichtweg nach und nach optimieren.

Auch die Werbung für seine Bühne über Stuttgart hat Baumann in der vergangenen Spielsaison selbst übernommen. Er schrieb Pressemitteilungen, kontaktierte verschiedene Zeitungen, druckte Flyer, hing Wegbeschreibungen auf und verschenkte Freikarten an die Nachbarn, um etwaigen Beschwerden vorzubeugen. Für die nächste Saison plant er allerdings, diese Arbeit in die Hände seines eigenen Vereins zu legen, dem „Bühne über Stuttgart e.V.", den er mit einigen Schauspielern der Theatergruppe im Oktober diesen Jahres gegründet hat. „Die Aufgabe des Vereins ist es, Kulturschaffenden diese Bühne kostenlos oder kostengünstig zur Verfügung zu stellen und dafür zu sorgen, dass die Eintrittspreise günstig bleiben." Das seien die beiden Hauptaufgaben des Vereins. Dieser soll als juristische Person ein offizieller Ansprechpartner in Hinblick auf das Theater im Weinberg sein. Spendengelder, die über das ganze Jahr hinweg von „Bühne über Stuttgart e.V." gesammelt werden, sollen dann im Sommer die Aufführungen unterstützen.

Kulturelles Engagement des Winzers soll nicht auf Kosten der Natur gehen

Insgesamt plant Baumann für die nächste Saison zwei oder drei Stücke, die dann rund 20 Abende füllen werden. Mehr Aufführungen möchte der Student in seinem Weinberg nicht anbieten. Der Ort müsse genug Zeit bekommen, um sich zu regenerieren. Grashalme, die von den ungefähr 120 Zuschauern während jeder Aufführung besetzt werden, haben so die Möglichkeit, sich wieder aufzustellen, Fehlstellen im Rasen möchte der Hobby-Winzer von Hand wieder ansähen. Bis jetzt wurde außerdem nur der obere Teil des Weinbergs hergerichtet und bebau- respektive bespielbar gemacht. Baumann möchte den unteren, verwilderten Teil in seinem natürlichen Zustand belassen, da er als Zufluchtsstätte für Eidechsen oder Weinbergschnecken und Nistplatz von Vögeln diene. „Der Weinberg ist einer der wenigen Plätze in Stuttgart, die von Tieren noch so als Rückzugsort genutzt werden können wie früher. Und das soll auch so bleiben", sagt er. Deshalb verzichtet Baumann auch auf chemische Spritzmittel oder Unkrautvernichter. Der Wein solle schließlich gesund und rein sein, findet er. „Durch den Verzicht auf Spritzmittel kann der Weinberg auch Tieren als sicherer Zufluchtsort dienen."

Baumann hat nicht vor ein Luxus-Theater zu schaffen, sein Ziel ist es vielmehr, einen außerordentlichen Ort zu schaffen, an dem günstig Theater für alle Zielgruppen angeboten werden kann. „Denn es ist nicht der Sinn, damit Geld zu verdienen", so Baumann. Warum aber verbringt ein junger Mann Tag für Tag auf einem Weinberg, um ihn Instand zu halten? Und warum stellt er seine Bühne, für die er stundenlang geschuftet hat, anderen kostenfrei zur Verfügung - nur für ein gutes Gefühl? Baumann schmunzelt. „Das Wort ‚nur‘ ist da irgendwie fehl am Platz. Dieses Gefühl, das das Theater ausmacht, die Zusammenarbeit mit den Schauspielern", sagt Baumann. Und dann ergänzt er: „Dieses Teamgefühl ist alle Arbeit wert."

Der Weinberg rund um das Jahr

Wie wird aus einem verwilderten Weinberg ein Geheimtipp in der Stuttgarter Theaterszene? Die Geschichte in Bildern.

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Über den Autor

Stefanie Bissinger

Elektronische Medien /UK (Master)
Eingeschrieben seit: WS 2014/2015

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