Kopftuchkultur

Miss Hepburn, der Pirat und das Kopftuch

21.07.2015

Die hitzige Debatte rund um das Kopftuch klingt nicht ab. Feministinnen reden von einer Unterdrückung der Frau, Muslima sehen es als ein Symbol ihrer Freiheit. Doch was hat es wirklich mit diesem Stück Stoff auf sich? Und was haben ein Pirat und Audrey Hepburn damit zu tun?

Das Kopftuch ist ein dreieckiges oder zu einem Dreieck gefaltetes Tuch, das, wie der Name schon sagt, auf dem Kopf getragen wird. Dabei gibt es viele verschiedene Möglichkeiten es zu tragen, man kann es unter dem Kinn oder im Nacken verknoten, oder einfach nur lose herunterhängen lassen. Viele sehen das Kopftuch als ein religiöses Symbol, dabei ist es kein muslimisches Privileg. In den 70er und 80er Jahren trug die modische, deutsche Landfrau Tuch und damit war sie durchaus nicht alleine.

Früher Alltag: Kind bei der Einschulung: Mit Kopftuch (Quelle: C. Beck)

Der Pirat

Wer als Kind gerne Fasching gefeiert hat, kam an einem Kostüm nicht vorbei: dem Piraten. Sie treiben auf dem Meer ihr Unwesen, rauben unschuldige Seemänner aus und tragen, welch Wunder, ein Kopftuch! Zugegeben: der Pirat der heute über die Meere segelt sieht wohl kaum so aus wie die Piraten in Fluch der Karibik, aber früher waren auch Piraten Kopftuchträger. Wer das Ganze also als religiöses Symbol abstempelt, sollte nochmal nachdenken. Denn für die Piraten bot das Kopftuch ein Schutz vor der Sonne, wenn sie den ganzen Tag auf See unterwegs waren. Halten wir also noch mal fest: Kopftuch = Schutz vor der Sonne

Und Audrey?

Wer kennt sie nicht, die wunderbare Holly Golightly aus dem Film „Frühstück bei Tiffanys". Bezaubernd verkörpert von der Mode-Ikone Audrey Hepburn. Aufmerksame Film-Gucker haben vielleicht gemerkt: Audrey trägt Kopftuch! Als modisches Accessoire, stilvoll und schön um den Kopf geschlungen, große Diva-Sonnenbrille auf und schon ist das Outfit perfekt! Erneut bleibt also nichts übrig, als schon wieder eine weitere Funktion des Kopftuches zu nennen: Kopftuch = Mode. Und nicht nur Audrey Hepburn brachte das kleine Stück Stoff groß raus, auch die Queen von England trägt in ihrem Urlaub gerne mal Kopftuch. So ein Stück Stoff ist da sogar eine Meldung in der britischen Vogue wert.

Schutz vor Schmutz

Bei den Piraten war das Kopftuch zum Schutz vor der Sonne, doch wer sein altes Geschichtsbuch mal aufschlägt und einen Blick auf die Frauen im 20. Jahrhundert wirft, der stellt schnell fest, viele der Arbeiterinnen tragen ebenfalls Kopftuch. Denn es bietet einen praktischen Schutz vor Schmutz und hält die lästigen Haare aus dem Gesicht. Vor allem in der Nachkriegszeit waren Kopftücher sehr beliebt, insbesondere bei den Trümmerfrauen, die Deutschland damals wieder aufbauten. Selbst heute gibt es noch viele Berufe, die das Kopftuchtragen voraussetzen. Zum Beispiel in Küchen oder Krankenhäusern, aus hygienischen Gründen, aber auch aus praktischen Gründen bei der Feldarbeit. Durch das Tragen von Hüten, Mützen und Haarnetzen hat sich das Kopftuch als Arbeiterkleidung mittlerweile fast schon verabschiedet. Auch die verbesserten Möglichkeiten der Haarpflege haben dazu geführt, dass das Tragen von Kopftüchern im städtischen, wie auch im ländlichen Raum abgenommen hat.

Das Kopftuch galt früher als praktische Möglichkeit die Haare wegzubinden. (Quelle: C. Beck)

Selbstausdruck oder Unterdrückung?

Unter dem Titel „Das Kopftuch – Entschleierung eines Symbols?" veröffentlichte die Konrad-Adenauer-Stiftung 2006 eine Broschüre ihres Zukunftsforums Politik. Sie interviewten und befragten 315 türkischstämmige Frauen in Deutschland, da der Großteil der in Deutschland lebenden Muslime aus der Türkei stammen. Eine der Fragen war: „Warum wird das Kopftuch getragen?"

Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung 2006, Grafik: Valerie Beck

Dabei gaben 97% an, die Bedeckung sei die religiöse Pflicht jeder Muslima und 87% der Befragten vertrauen durch das Kopftuch in sich selbst. Laut dieser Grafik gibt es also keinen Zwang in der Familie ein Kopftuch zu tragen. Es wird viel mehr als religiöses Selbstverständnis gesehen. In einer weiteren Frage wurde daraufeingegangen welches Familienmitglied zur Entscheidung des Kopftuchtragens keine Rolle gespielt hat, und 96% verwiesen auf den Bruder und 90% auf den Ehemann. Die Mutter hingegen spielt bei den meisten eine große Rolle, und wenn diese Kopftuch trägt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Tochter sich dazu entscheidet, sehr groß.

Akt der Nächstenliebe

Ein Islamische-Theologie-Student aus Tübingen, S. Er bezeichnet das Kopftuch als ein Akt der Nächstenliebe. Zu Nächstenliebe zählt im Eheleben die Treue und diese wird im Islam so definiert, dass die Frau sich nur ihrem Mann „zeigt". Als angehender Theologe sieht S. Er das Kopftuch als eine Pflicht im Islam. Er sagt jedoch auch, dass viele Frauen die Wahl haben und der Glaube an Gott und das häufige Beten viel wichtiger ist, als das Tragen eines Kopftuchs. Für ihn ist das Kopftuch-Problem in Deutschland entstanden, weil viele türkischstämmige Frauen zu Hause bleiben und sich nur um die Kinder kümmern. Wenn mehr von ihnen auf die Straße gehen und sich an der Gesellschaft beteiligen würden, so, laut S. Er, käme eine Normalität des Kopftuches in die deutsche Gesellschaft.

Das Kopftuch als Selbstverständnis im Glauben. (Foto: Valerie Beck)

Keine Reize zur Schau stellen

Doch was sagt der Koran dazu? Schließlich kommt man bei dem Thema nicht darum, sich mit der heiligen Schrift auseinander zu setzen, die von vielen als Grundlage für das Kopftuchtragen in der muslimischen Religion gesehen wird. Hier ein Ausschnitt aus dem meist zitierten Vers des Korans zu diesem Thema: „Und sage zu den gläubigen Frauen (...) dass sie ihren Intimbereich schützen und ihre Keuschheit wahren sollen und dass sie ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen." (Sure 24, Das Licht, Vers 31). Es gibt zwar noch weitere Verse im Koran, wo eine Verhüllung der Frau erwähnt wird, aber nie explizit verlangt wird. Wo genau ist hier der Unterschied zur Bibel? Auch hier sollen Frauen „sich selber keusch halten" (1. Timotheus 5, 22) und noch viel schlimmer: „Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen." (1. Mose 3, 6).

Ö.C. ist in Deutschland geboren, hier aufgewachsen, aber von der Nationalität türkisch. Ihre Eltern geben ihr die Wahl an was sie glauben möchte und ob sie ein Kopftuch tragen möchte. Ihrer Meinung nach würde ihr mit einem Kopftuch ein kleines Stück ihrer Freiheit genommen werden. Sie weiß, dass es Frauen gibt, die das freiwillig machen, aber nachvollziehen kann sie es nicht, gerade weil im Koran nur gesagt wird, dass man die Stellen verdecken soll, die Männer erregen.

Ob Kopftuch oder nicht, man sollte jeder Muslima selbst die Wahl lassen, ob sie ihren Kopf bedecken möchte. Wenn selbst die Queen von England in ihrem Urlaub ein Kopftuch trägt und das ganze einen modischen Hintergrund hat, so soll man das Stück Stoff nicht sofort verurteilen und auf einen religiösen Hintergrund reduzieren.

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Über den Autor

Valerie Beck

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015