Ulrike Stöckle im Porträt

„Dauererreichbarkeit – die Schlange im digitalen Garten Eden“

20.01.2016

Ständig erreichbar sein, stets in Kontakt mit der Arbeit bleiben können und das auch im Urlaub. Genau diese Erfahrung hat Ulrike Stöckle gemacht! Durch die von ihr geführten „Digital Detox Camps“ möchte sie wieder die digitale Balance in unserem Leben herstellen und uns vor der Schlange „Dauererreichbarkeit“ schützen.

Ulrike Stöckle (Foto: Julia Spitzer)

Dauererreichbarkeit führt dazu, dass wir unter unaufhörlichem und chronischem Stress leiden. Um diesem zu umgehen, kann ein Digitaler Entzug von Hilfe sein. Laut dem Oxford Dictionary ist „Digital Detox" ein Zeitraum, in der eine Person auf die Benutzung elektronischer Geräte wie Smartphones oder Computer verzichtet – als Chance, Stress zu reduzieren und durch soziale Interaktion mit der physischen Welt zu interagieren. Doch viele schaffen diesen Entzug nicht alleine und hier kommen die „Digital Detox Camps" von Ulrike Stöckle ins Spiel.

Ich will diese Pionierin der modernen Entzugskunst näher kennen lernen und besuche Ulrike Stöckle in ihrer Agentur für nachhaltige Kommunikation in Kandel. Die kleine Stadt in Rheinland-Pfalz wirkt wie ein langweiliges Nest. Ich bemerke die frische Luft des kleinen Städtchens und fühle mich schon allein dadurch „gedetoxt". In der Agentur werde ich nett begrüßt. Ulrike Stöckle hat eine freundliche und offene Art, die sympathisch rüberkommt. Sie zeigt ihre Räumlichkeiten mit Freude und auf den Massagestuhl im Konferenzraum ist sie besonders stolz. Da setzt sie sich gerne mal drauf, um zu entspannen und drängt ihre Mitarbeiter dazu, es ebenso zu tun. Schließlich wünscht sie sich, dass ihre Mitarbeiter das vorleben, was sie versucht mit den „Digital Detox Camps" zu bewirken.

Was mal war...

Denn ihr Leben war früher stark durch die Dauererreichbarkeit eingeschränkt. Das musste sie sich im Portugalurlaub mit ihrem Sohn eingestehen. Die beiden waren Wellenreiten und hatten sich eine Wohnung ohne WLAN ausgesucht, hauptsächlich damit ihr Sohn nicht ständig am Handy hängt. Schließlich war sie jeden Morgen nur am Arbeiten bis der Sohn sie darauf hinwies: „Mama, wenn du so weiter machst, dann bekommst du noch einen Burn-out."

Ulrike Stöckle fühlt sich mittlerweile – dank „Digital Detox" – wieder wohl in ihrem Leben und auch ich sehe vor mir eine ausgeglichene und fröhliche Geschäftsfrau. Bevor sie sich der nachhaltigen Kommunikation widmete, studierte sie Kultur-BWL in Grenoble (Frankreich) und war danach zehn Jahre lang für große Unternehmen im internationalen Marketing tätig. Nach dieser Zeit kehrte sie zurück nach Deutschland und arbeitete in einer Werbeagentur, in der Presseabteilung von web.de und beim Burda-Verlagshaus. Im September 2009 gründete sie ihr eigenes Unternehmen – die Agentur für nachhaltige Kommunikation. Nebenher absolvierte sie den Nachhaltigkeitsmanager im Fernstudium.

Von Online zu Offline

Wenn sie auf ihr damaliges Leben zurückblickt und feststellt, dass sie nur am arbeiten war, wirkt sie leicht schockiert. Sie wollte daran etwas ändern und hat sich in das Thema „Offline" reingelesen. Wissenschaftliche Studien, Bücher von Journalisten die Offline-Selbstversuche getätigt haben und Gespräche mit vielen Menschen auf der Welt haben sie 2013 zu den „Ground Camps", den ersten „Digital Detox Camps", in den USA gebracht. Informationen und Zahlen zu sammeln, sind ihr wichtig. Sie möchte den Menschen keine leeren Fakten präsentieren, sondern handfeste Beweise für unsere digitale Abhängigkeit und der Gefahr, die davon ausgeht. Und Ulrike Stöckle kann an nur wenigen Beispielen aufzeigen, wie groß diese Gefahr wirklich ist: 42 Prozent der Deutschen checkt nach Feierabend ihre Arbeits-Mails. Studenten versenden per Smartphone täglich 3,5 Stunden Kurznachrichten und Fotos. 50 Prozent aller Briten leiden an „Nomophobia" – no mobile phone phobia.

Das Thema Digital Detox

2014 fand das erste „Digital Detox Camp" in Deutschland statt. Die Camps und Vorträge von Frau Stöckle beginnen mit den Worten: „Dauererreichbarkeit - die Schlange im digitalen Garten Eden". Es ist ihre liebste Art zu beschreiben, wie die Dauererreichbarkeit unser Leben bereits umschlingt hat. Die Organisation der Camps fällt ihr bis heute leicht. Sie erzählt mir, dass die Orte, in denen die Camps stattfinden, ihr begegnen und sie die positive Energie, die davon ausgeht, fühlt.

Beim ersten Camp haben sich viele Journalisten gemeldet, um sich das Konzept näher anzuschauen. Das war ihr auch wichtig, denn Journalisten sind, laut Stöckle, „extrem News-geil". Nur wenn auch über die Camps berichtet wird, erfahren viele davon. Denn sie möchte das Thema bekannter machen und das Problem unserer heutigen Zeit und Gesellschaft den Menschen näher bringen.

Ausgehend von den Camps bemerkte sie den Bedarf in Unternehmen. „Es entstehen Milliarden Schäden, weil Mitarbeiter nicht mehr konzentriert arbeiten, überfordert oder überlastet sind, durch permanente Erreichbarkeit", sagt Ulrike Stöckle in ihrem Vortrag zum Thema „Digital Detox". In unserem Interview erklärt sie mit voller Begeisterung: „Das ist so mein größtes Anliegen, wenn wir es schaffen könnten, dass die Menschen gar nicht mehr 8 Stunden, sondern 6 Stunden arbeiten für das gleiche Geld und dafür zwei Stunden für sich, für ihre Beziehung, für ihre Familie, für ihre Kinder, für was auch immer haben. Für das gesunde Leben. Ich glaube wirklich, dass ich dann meine Mission gefunden habe." Ich merke ihr an, dass sie ihre Berufung bereits gefunden hat und sehe die Leidenschaft im Funkeln ihrer blauen Augen.

„Das braucht kein Mensch"

Sie möchte etwas verändern und sie glaubt daran, dass man das digitale Nutzungsverhalten steuern muss und die permanente Erreichbarkeit uns krank macht. Denn morgens beim Frühstücken im Hotel möchte niemand Leute mit Handys sehen. In Zügen will auch keiner Lebensgeschichten von fremden Menschen hören. Das alles braucht kein Mensch. Davon ist sie fest überzeugt. Da sie Unternehmerin ist, muss sie natürlich auch telefonieren und E-Mails schreiben. Aber sie entscheidet, wann und wie oft sie ihre Mails checkt. Wenn sie konzentriert arbeiten möchte, dann ist sie auch mal nicht erreichbar. Und am Abend macht sie das Handy einfach aus. Diese digitale Balance schützt vor der Dauererreichbarkeit.

Tipps für mehr Digitale Balance

Tipps von Ulrike Stöckle für mehr Digitale Balance im Alltag. (Foto: Julia Spitzer)

Fluch und Segen zugleich

Ulrike Stöckle spricht sehr lebendig und so greift sie sich auch an ihren Arm als sie davon spricht, dass dieses Handy wie ein Stück Körper für die Menschen geworden ist. Es ist gar nicht mehr wegzudenken. Deshalb, glaubt sie, dürfen wir uns der Digitalisierung auf keinen Fall verwehren. Sie sichert unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Überleben. Ulrike Stöckle meint: „Digitalisierung bedeutet Fortschritt, Effizienz, die Möglichkeit neuer Produkte und Innovationen. Es ist unbedingt nötig! Man darf sich eben nicht davon beherrschen und zum Sklaven machen lassen. Und nur, wer das beherrscht – gut beherrscht – der wird letztendlich Sieger sein."

Wir beenden das Gespräch mit einem gemeinsamen Foto, welches ihr Sohn für uns macht und das – wie nicht anders zu erwarten – mit dem Handy. Ist eben Fluch und Segen zugleich.

Ablauf der Digital Detox Camps

Bevor die Teilnehmer die Camps besuchen, laden sie sich eine App herrunter und beobachten eine Woche lang ihr digitales Nutzungsverhalten. Danach besuchen sie die „Digital Detox Camps" und geben zu Beginn alle elektronischen Geräte ab. Die Camps finden in der Natur, weit weg vom Digitalen Alltag, statt. Die Teilnehmer kochen gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin, führen zahlreiche Gespräche, machen Yoga oder erlernen die Kunst der Meditation. Der Mensch soll wieder mit sich in Kontakt kommt und nicht über ein digitales Gerät. In den Camps werden den Teilnehmern Impulse und Regel für die Zukunft vermittelt.

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Über den Autor

Julia Spitzer

Medienwirtschaft (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2012/13